24-08-2026 Info
Der Doppelgänger im Berufkraut-Bestand
Man sieht nur, was man kennt. Jahrelang hielten wir es für selbstverständlich, dass jedes hohe und kräftige Berufkraut zur sehr verbreiteten Art Einjähriges Berufkraut (Erigeron annuus) gehört. Doch aktuelle Funde in Basel-Landschaft und Solothurn zeigen: Ein nordamerikanischer Doppelgänger hat sich eingeschlichen – und bleibt bislang fast unbemerkt. Das Philadelphia-Berufkraut (Erigeron philadelphicus) ist in unserem Land angekommen (siehe Artporträt).
Im benachbarten Ausland breitet sich die Art bereits rasch aus, in der Schweiz bleibt sie dagegen fast unentdeckt. Sie wird demnächst in die Kandidatenliste von InfoFlora aufgenommen, um ihr Vorkommen in der Schweiz in den frühen Phasen der Etablierung besser verstehen und überwachen zu können (Early Detection). Der Grund für ihre «Unsichtbarkeit»? Sie ist ein perfekter Doppelgänger von E. annuus und wird deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verwechselt. Es ist deshalb gut möglich, dass sie in der Schweiz bereits weiter verbreitet ist, als es die bisherigen Meldungen zeigen – viele Funde dürften schlicht unter E. annuus erfasst worden sein. Dabei lässt sie sich mit dem richtigen Blick durchaus unterscheiden.
Das Geheimnis liegt in der Umarmung. Wer E. philadelphicus entlarven will, achtet darauf, wie das Blatt auf den Stängel trifft: Die Blätter sind deutlich stängelumfassend oder geöhrt, ihre Basis umschliesst den Stängel teilweise. Bei E. annuus dagegen sind die Blätter einfach sitzend oder zur Basis hin verschmälert, ohne den Stängel je zu «umarmen».
Weitere Hinweise liefern Blüte und Kalender. E. philadelphicus ist oft früher dran und blüht bereits im Mai mit auffallend zarten Köpfchen: Sie beherbergen 150 bis 250 (in seltenen Fällen bis 400) sehr feine Zungenblüten, die häufig rosa oder lila überlaufen sind – deutlich mehr und feiner als die 50 bis 120 meist weissen Zungenblüten von E. annuus.
Die korrekte Meldung dieser Pflanze ist entscheidend: Sie ist der erste Schritt, um ihre tatsächliche Verbreitung in der Schweiz zu erfassen. Wenn Sie das nächste Mal auf eine Gruppe von Berufkräutern stossen, halten Sie inne: Eine stängelumfassende Blattbasis könnte eine wertvolle Neumeldung für die Schweizer Flora sein. Melden Sie Ihren Fund jetzt über die FlorApp oder das Online-Feldbuch – und helfen Sie mit, ihre Verbreitung in der Schweiz sichtbar zu machen.
Vergleichstabelle
| Merkmale | Erigeron philadelphicus | Erigeron annuus |
|---|---|---|
| Blattbasis | Stängelumfassend oder geöhrt: Basis umschliesst teilweise den Stängel | Nicht stängelumfassend: sitzend oder verschmälert, nie umfassend |
| Zungenblüten | Sehr zahlreich (150 bis 250, in seltenen Fällen bis 400), fadenförmig (sehr fein) | Weniger zahlreich (50–120), etwas breiter |
| Blütenfarbe | Weiss, häufig rosa bis lila überlaufen | Meist reinweiss |
| Stängel | Oft hohl (bei grossen Exemplaren); lange, abstehende Haare | Meist markig/gefüllt; abstehende oder anliegende Haare |
| Blütezeit | Früh: April – Juni (Hauptblüte im Spätfrühling) | Spät: Juni – September (Hauptblüte im Hochsommer) |

Philadelphia-Berufkraut (Erigeron philadelphicus), Martin Kalfatovic, bearbeitet, CC BY 4.0