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Stellungnahme: Fehlende lokale Effekte bedeuten nicht Unschädlichkeit von Erigeron annuus

07-04-2026 Info

Stellungnahme: Fehlende lokale Effekte bedeuten nicht Unschädlichkeit von Erigeron annuus

 

Kurzfassung

Die Studie von Genucchi et al. (2025) untersucht die Auswirkungen von Erigeron annuus auf die pflanzliche Biodiversität und stellt fest, dass auf den untersuchten Probeflächen in der Nordostschweiz keine statistisch signifikanten Auswirkungen gefunden wurden. In der Schweiz erfolgt die landesweite Beurteilung invasiver Pflanzenarten im Rahmen eines standardisierten, von InfoFlora geleiteten Prozesses, der Literatur, Feldbeobachtungen und internationale Klassifikationssysteme berücksichtigt. Das Fehlen von Auswirkungen in einer Einzelstudie bedeutet dabei nicht automatisch, dass eine Art keine relevanten Auswirkungen auf ökologischer, ökonomischer oder gesundheitlicher Ebene hat. Das gilt insbesondere für Studien mit beschränkter Aussagekraft – wie im vorliegenden Fall. Erigeron annuus kann die Futterqualität beeinflussen, hemmt das Wachstum andere Arten durch Allelopathie und verändert bei hohem Deckungsgrad die Lebensgemeinschaften. Die Einstufung der Art bleibt daher bestehen und wird bei der nächsten Revision invasiver gebietsfremder Arten der Schweiz erneut überprüft.

 



Stellungnahme

In der Schweiz erfolgt die Beurteilung der Invasivität gebietsfremder Pflanzenarten im Rahmen eines standardisierten, von InfoFlora geleiteten Beurteilungsprozesses, der Etablierung, Ausbreitungsdynamik und Schadwirkung systematisch berücksichtigt. Dabei werden ökonomische und ökologische Schäden sowie negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit betrachtet. Die Einstufungen basieren auf wissenschaftlicher Literatur und dokumentierten Feldbeobachtungen. Dabei werden die Aussagekraft der Quellen geprüft und dokumentierte Schäden anhand internationaler Klassifikationssysteme (EICAT, SEICAT – Hawkins et al. 2015, IUCN 2020, bzw. Bacher et al. 2017) bewertet. Die Beurteilung basiert nicht auf Einzelstudien, sondern auf sämtlichen zur Verfügung stehenden Informationen.

InfoFlora begrüsst die Studie von Genucchi et al. (2025) ausdrücklich als einen interessanten Beitrag, insbesondere da sie aus der Schweiz stammt, und wird sie bei der nächsten Revision der Liste invasiver gebietsfremder Arten berücksichtigen. Bei der vorliegenden Arbeit stellen sich jedoch deutliche Fragen hinsichtlich der Interpretation der Resultate und der wissenschaftlichen Evidenz.

Aus analytischer Sicht basiert die Arbeit auf einem soliden statistischen Ansatz: Der Einsatz von Mixed-Effects-Modellen für die Kontrolle der hierarchischen Datenstruktur und die Analyse entlang eines Invasionsgradienten sind methodisch angemessen und entsprechen den Standards der Pflanzenökologie. Dies kompensiert allerdings nicht die offensichtlichen Limitierungen des gewählten Studiendesigns. Die begrenzte Stichprobe von zehn Beständen, die geringe Grösse der vier Probeflächen je Bestand (4 x 1 m²) und das Fehlen eines experimentellen Ansatzes beschränken die Möglichkeiten statistischer und kausaler Schlussfolgerungen erheblich. Das Fehlen statistisch signifikanter Effekte kann so nicht als Beweis für das Fehlen von Auswirkungen der Art auf die Biodiversität interpretiert werden, sondern nur als Fehlen von Evidenz unter den gegebenen Bedingungen.

Die Hauptschwäche der Arbeit liegt, neben der kleinen Stichprobe, in der Auswahl von zehn Beständen in einem standörtlich und biogeographisch kleinen Ausschnitt der Nordostschweiz. Die Bestände zeigen eine deutliche Bindung an Siedlungsgebiete, und in mindestens sieben der zehn Bestände fand gezielt eine Bekämpfung von E. annuus statt. Es lässt sich daher nicht beurteilen, wie die Bestände ohne die Bekämpfungsmassnahmen aussähen, womit der Einfluss von E. annuus auf die Biodiversität nicht beurteilt werden kann. Insgesamt wurden eher geringe Deckungswerte von E. annuus untersucht. Die mittlere Deckung beträgt 13% und nur zwei Quadratmeter weisen eine Deckung über 33% auf – mit einem Maximalwert von 55 % Deckung. Daher wäre zu prüfen, ob die Resultate von Genucchi et al. (2025) nicht eher als ein Erfolg der Bekämpfungsmassnahmen interpretiert werden könnten.

 

Erigeron annuusErigeron annuus, Michael Jutzi, edited, CC BY 4.0

 

Ökologisch ist der Deckungsgrad einer Art entscheidend. Feldbeobachtungen und unabhängige Studien zeigen, dass E. annuus als Neophyt höhere Deckungswerte als in der vorliegenden Publikation erreichen kann, auch in der Schweiz (z.B. bis 85% bei Künzi et al. 2015). Andere Studien kamen ferner zum entgegengesetzten Ergebnis, dass E. annuus die Diversität einheimischer Arten reduziert. Liu et al. (2026) fanden in Ostchina für Probeflächen mit und ohne E. annuus, dass das Vorhandensein der Art negativ mit der Pflanzendiversität korrelierte – wobei der Effekt bei E. annuus in den offenbar frühen Invasionsstadien sogar stärker war als bei der Kanadische Goldrute (Solidago canadensis). Trotz unterschiedlicher Klimabedingungen deutet dies darauf hin, dass eine hohe Deckung von E. annuus auch im mitteleuropäischen Kontext signifikante Auswirkungen haben kann.

Erigeron annuus weist als Neophyt in Europa eine besonders breite Standortamplitude auf und kann sich in unterschiedlichen Lebensräumen etablieren (Küzmič & Šilc 2017). In der Schweiz entstehen unter anderem in extensiven, artenreichen Wiesen und Weiden dichte Vorkommen. In der kleinen Auswahl von zehn Beständen fehlen bei Genucchi et al. (2025) jedoch artenreiche Lebensraumtypen mit erhöhtem Gefährdungspotential – wie Halbtrockenrasen oder Rebberge. Dies schränkt die schweizweite Aussagekraft der Studie weiter stark ein.

Aussagekräftige Studien zur Invasivität gebietsfremder Arten benötigen neben unbehandelten Vergleichsflächen idealerweise experimentelle Manipulation der Bestände (Hinzufügen oder Entfernen der invasiven Art) mit Vorher-Nachher-Vergleichen (z.B. Parker et al. 1999). Bei einmaligem Vergleich benachbarter Flächen ohne experimentellem Ansatz, kann dagegen der Einfluss kleinräumiger Standortunterschiede auf die Artenvielfalt nicht ausgeschlossen werden – eine statistische Unsicherheit, die durch die Mixed-Effects-Modelle in der vorliegenden Studie nicht eliminiert wird.

Trotz der genannten Einschränkungen suggeriert die Arbeit, dass E. annuus vernachlässigbare Auswirkungen auf die einheimische Biodiversität habe und stellt etablierte Managementbewertungen in Frage. Die Autoren betonen die Notwendigkeit evidenzbasierter Bewertungen, beschränken sich selbst dabei jedoch auf eine einzelne Studie mit eingeschränkter Aussagekraft. Ein besonders kritischer Punkt betrifft so die Diskrepanz zwischen den von Genucchi et al. (2025) vorgelegten Daten und dem Titel ihrer Studie, der den Eindruck vermittelt, dass E. annuus generell keinen Einfluss auf die lokale Biodiversität habe. Auch Aussagen in der Diskussion können leicht als endgültiges Urteil über die Unbedenklichkeit der Art interpretiert werden. Dies birgt die Gefahr irreführender Berichterstattung in den Medien und in der Managementdebatte.

Ein oft übersehener, aber entscheidender Aspekt betrifft den funktionalen und agronomischen Kontext. Managemententscheidungen für Arten wie E. annuus basieren nicht allein auf ökologischen Kriterien. Europäische agrarwissenschaftliche Literatur zeigt, dass die Pflanzenzusammensetzung im Grünland direkt die Futterqualität und Produktivität beeinflusst, wobei die Futterwertzahl von E. annuus auf in einer Skala 1 bis 9 den Wert 2 hat (2 = «kein bis sehr geringer Futterwert»; Briemle et al. 2003). Erigeron annuus wird daher als unerwünschte Art betrachtet, nicht nur wegen ihrer Wirkung auf die Biodiversität, sondern wegen ihrer Funktion, wertvollere Futterpflanzen zu verdrängen. Experimentelle Studien zeigen, dass die Art allelopathische Effekte zeigt, die Keimung und Wachstum anderer Pflanzenarten hemmen (Li et al., 2020). Dies liefert eine biologisch plausible Grundlage für negative Auswirkungen auf die Produktivität, die nicht durch einfache Artenzahl-Messungen erfasst werden.

Abschliessend ist die Studie statistisch zwar korrekt, aber ihre Interpretation übersteigt das, was die Daten stützen können. Gerade weil die potenziellen Konsequenzen von invasiven gebietsfremden Arten weitreichend sein können (für einzelne, einheimische Arten bis zu Ökosystemprozessen und Ökosystemleistungen; Vilà et al., 2011; Pyšek et al., 2012), müssen die Aussagen der zugrundeliegenden Studien besonders robust sein. In diesem Sinne kann die vorliegende Diskussion dazu beitragen, die Sachlage künftig noch differenzierter und vertiefter zu untersuchen – ein Anliegen, das auch im Interesse der für das Management zuständigen Behörden liegen sollte. Der Hinweis, bestehende Bewertungen kritisch zu prüfen, ist grundsätzlich zu begrüssen. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass Beiträge dieser Art wichtige Denkanstösse liefern können, jedoch isoliert betrachtet keine ausreichende Grundlage für eine landesweite Neubewertung darstellen.

 

Stellungnahme InfoFlora zu Genucchi et al. (2025)

 

 

Zitierte Literatur

Bacher, S., Blackburn, T. M., Essl, F., Genovesi, P., Heikkilä, J., Jeschke, J. M., .... & Kumschick, S. (2018). Socio-economic impact classification of alien taxa (SEICAT). Methods in Ecology and Evolution, 9(1), 159-168. DOI: https://doi.org/10.1111/2041-210X.12844

Briemle, G., Nietsche, S., & Nitsche, L. (2003). Grünlandpflanzen und ihre Nutzungswertzahlen. [Grassland Species and Their Utility Values]. Jahrb. Naturschutz Hess, 8, 81-96.

Genucchi, K., Widmer, S., Billeter, R., & Dengler, J. (2025). No negative impact of Erigeron annuus on native plant diversity: a case study from Northern Switzerland. Tuexenia, 45, 429–444. DOI: https://doi.org/10.14471/2025.45.013

Hawkins, C.L., Bacher, S., Essl, F., Hulme, P.E., Jeschke, J.M., Kühn, I., et al. (2015). Framework and guidelines for implementing the proposed IUCN Environmental Impact Classification for Alien Taxa (EICAT). Diversity and Distributions, 21(11), 1360–1363. DOI: https://doi.org/10.1111/ddi.12379

IUCN (2020). IUCN EICAT Categories and Criteria: The Environmental Impact Classification for Alien Taxa First edition. Gland, Switzerland: IUCN. DOI: https://doi.org/10.2305/IUCN.CH.2020.05.en

Künzi, Y., Prati, D., Fischer, M. & Boch, S. (2015) Reduction of native diversity by invasive plants depends on habitat conditions. – American Journal of Plant Sciences 6: 2718–2733. DOI: https://doi.org/10.4236/ajps.2015.617273

Küzmič, F. und Šilc, U. (2017). Alien species in different habitat types of Slovenia: analysis of vegetation database. Periodicum Biologorum 119(3): 199–208, DOI: https://doi.org/10.18054/pb.v119i3.5183

Li, J., Wang, H., & Chen, Y. (2020). Allelopathic effects of Erigeron species on germination and growth of co-occurring plants. Journal of Plant Interactions, 15(1), 12–20. DOI: https://doi.org/10.3390/d17050318

Liu, Y., Du, Y., Geng, X., Wang, C., & Du, D. (2026). Co-invasion of three invasive alien plants increases plant taxonomic diversity and community invasibility. Plant Diversity, 48(1), 204–211. DOI: https://doi.org/10.1016/j.pld.2025.05.013

Parker, I. M., Simberloff, D., Lonsdale, W. M., Goodell, K., Wonham, M., Kareiva, P. M., Williamson, M. H., Holle, B. V., Moyle, P. B., Byers, J. E. and Goldwasser, L. (1999). Impact: toward a framework for understanding the ecological effects of invaders. Biological Invasions 3: 3-19. DOI: https://doi.org/10.1023/A:1010034312781

Pyšek, P., Jarošík, V., Hulme, P. E., Pergl, J., Hejda, M., et al. (2012). A global assessment of invasive plant impacts on resident species, communities and ecosystems: Interaction of impact measures, invading species’ traits and environment. Global Change Biology, 18(5), 1725–1737. DOI: https://doi.org/10.1111/j.1365-2486.2011.02636.x

Vilà, M., Espinar, J. L., Hejda, M., Hulme, P. E., Jarošík, V., Maron, J. L., … Pyšek, P. (2011). Ecological impacts of invasive alien plants: a meta-analysis of their effects on species, communities and ecosystems. Ecology Letters, 14(7), 702–708. DOI: https://doi.org/10.1111/j.1461-0248.2011.01628.x