Sammeln an Wildstandorten

Empfehlungen zur  ex situ-Erhaltung und Ansiedlung gefährdeter Wildpflanzen

 

Empfehlungen zum Sammeln von Samen oder Pflanzenmaterial gefährdeter Arten an Wildstandorten

 

Das wichtigste in Kürze:
  • Ziel definieren - Arten auswählen - Bewilligungen einholen
  • möglichst viel Samen an möglichst vielen, willkürlich ausgewählten Individuen, die über den ganzen Bestand verteilt sind, sammeln.
  • besammelte Population nicht gefährden

Ziel:

  • möglichst repräsentative Proben (Akzessionen), welche die genetische Vielfalt wiederspiegeln, erhalten

 

Zweck der Sammlung

Saatgut von Wildpflanzen kann zu verschiedenen Zwecken gesammelt werden:

  • für den Anbau und die Nutzung von Wildpflanzensamen für Samenmischungen, die in der Landwirtschaft, im Gartenbau oder auch entlang von Verkehrswegen genutzt werden. In der Regel handelt es sich um nicht gefährdete Arten. Sammlung und Nutzung unterliegen eigenen Empfehlungen.
  • für Saatgut zu Schulungs- und Forschungszwecken oder für’s Zeigen in Botanischen Gärten. Hier muss in erster Linie sichergestellt werden, dass die besammelte Population nicht gefährdet wird.
  • für die ex situ-Erhaltung der Art in einer Samenbank / einem Garten und/oder zur Ansiedlung der Art an geeigneten Wildstandorten einschliesslich einer eventuellen Zwischenvermehrung. Wichtige Richtlinien müssen hier eingehalten werden, damit Risiken wie Inzucht, Auszucht und Selektion vermieden werden.

In den vorliegenden Empfehlungen geht es um das Sammeln von Samen oder Pflanzenmaterial zur ex situ-Erhaltung und zur Ansiedlung gefährdeter Wildpflanzen. Dabei soll das Ziel verfolgt werden den Genpool jeder besammelten Population gut zu repräsentieren.

Auswahl der Arten und Bewilligung

  • weltweit / europaweit / schweizweit gefährdete Arten
  • national prioritäre Arten der Schweiz
  • endemische, halbendemische Arten der Schweiz
  • Arten, die in der Schweiz auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene kurzfristig vom Aussterben bedroht sind
  • schweizweit oder regional geschützte Arten,
  • Arten mit sozio-kulturellem Wert

Bevor gesammelt wird müssen geeignete Bestände / Populationen ausgesucht werden. Die Standortbedingungen der ausgesuchten Bestände sind genau beschrieben und die Verteilung der zu besammelnden Individuen ist bekannt. Eine vorgehende Besichtigung ist also sehr wichtig – auch zur genauen Bestimmung der Art.

Bevor gesammelt wird braucht man alle nötigen Bewilligungen, sicher von der kantonalen Naturschutzfachstelle, welche auch das Bundesamt für Umwelt informiert, und vom eventuellen Landbesitzer. Weitere Bewilligungen können nötig sein. Ausserdem ist es zentral, dass sich die verschiedenen Erhalter, meist die botanischen Gärten, koordinieren. Info Flora übernimmt die Angaben zum ex situ-Material und zu Ansiedlungen in ihre Datenbank.

Wichtige Empfehlungen beim Sammeln

Das gesammelte Material soll den Genpool einer Population möglichst gut repräsentieren. Um dies zu erreichen müssen verschiedene Faktoren eingehalten werden. Sehr umfangreiche Informationen findet man auf der Website von Ensconet, dem European Native Seed Conservation Network, insbesondere die Anweisungen zur Sammlung von Samen an Wildpflanzen.

Die Empfehlungen zum Sammeln kurz zusammengefasst:

  • Die besammelte Population darf nicht gefährdet werden – die in situ-Erhaltung hat Vorrang. Es sollten nie mehr als 20% der zum Sammelzeitpunkt vorhandenen reifen Samen entnommen werden.
  • Pro Population sollten Samen auf mindestens 50 (besser 200) verschiedenen Individuen, die im Bestand möglichst gut verteilt sind, oder auf mehr als 50% der vorhandenen Individuen, entnommen werden (ohne die 20% vorhandener Samen zu überschreiten).
  • Die Auswahl der Individuen ist willkürlich. Sowohl kleine oder scheinbar schlecht wachsende oder angefressene, als auch grosse und robuste Individuen werden gewählt.
  • Individuen sowohl im Zentrum als auch im Randbereich einer Population besammeln.
  • Ist der Bestand in unterschiedliche Mikrohabitate aufgeteilt, sollen genügend Individuen in jedem Mikrohabitat besammelt werden.
  • Pro Individuum sollten genügend Samen gesammelt werden, im Idealfall werden pro Population 5'000 Samen gesammelt (ist abhängig von der Art / der Samenproduktion).
  • Bei Arten, die sich selbst bestäuben sollte die Anzahl besammelter Individuen doppelt so hoch sein.
  • Möglichst mehrmals pro Jahr sammeln, damit die Variation Frühblüher bis Spätblüher eingefangen wird. Ist dies nicht möglich soll zu einem Zeitpunkt gesammelt werden an dem möglichst viele Individuen reife Samen tragen.
  • Jede Sammlung muss sorgfältig dokumentiert werden.

Für die ex situ Erhaltung der Samen in einer Samenbank oder im botanischen Garten

  • Die besammelten Populationen werden getrennt aufbewahrt / getrennt zwischenvermehrt (=Akzession). Nur so kann bei einer späteren Ansiedlung und Mischung von Populationen sichergestellt werden, dass jeder Genotyp vorhanden ist.
  • Idealer Weise werden von einem Taxon fünf Populationen aus dem umliegenden Verbreitungsgebiet besammelt. Für jede Population sind die ökologischen Standortbedingungen bekannt und beschrieben. Jede Population (=Akzession) wird getrennt aufbewahrt.
Sammlungen sind selten perfekt, in jedem Fall soll man alles daran tun um die genetische Variabilität einer Population möglichst vollständig zu wiederspiegeln. Und, genauso wichtig ist die genaue Beschreibung der ökologischen Bedingungen am Sammelstandort.

 
Wo werden die Samen erhalten

Für eine Langzeiterhaltung ist die Einlagerung in Samenbanken sicher die kostengünstigste Methode.

Das Conservatoire et Jardin Botaniques de la ville de Genève betreibt eine Samenbank, welche Pflanzensamen unter optimalen Bedingungen auf lange Zeit sichert. Die Samen werden mit der Technik der Kryokonservation erhalten. Für jede Akzession werden zwei Muster eingelagert – eines steht eventuellen Forschungs- oder Ansiedlungsprojekten zur Verfügung, das zweite dient der Langzeiterhaltung. Risiken liegen insbesondere darin, dass die Arten von eventuellen Klimaänderungen ausgeschlossen sind und damit der natürlichen Evolution entgehen.


Weitere Informationen erhalten Sie beim Conservatoire et Jardin Botaniques de la Ville de Genève.

Die Erhaltung in Botanischen Gärten ist eine weitere Möglichkeit der ex situ-Erhaltung. Auch hier müssen verschiedene Parameter eingehalten werden, damit Risiken wie Selektion oder Hybridisierung vermieden werden können. Die Empfehlungen dazu sind im kommenden Kapitel beschrieben.