Ansiedlung gefährdeter Arten

Empfehlungen zur  ex situ-Erhaltung und Ansiedlung gefährdeter Wildpflanzen

 

Empfehlungen zur Ansiedlung gefährdeter Arten an Wildstandorten

 

Das Wichtigste in Kürze:
  • von grosser Bedeutung für eine erfolgreiche Ansiedlung ist die Wahl eines geeigneten Lebensraumes - die ökologischen Bedingungen entsprechen denen der ursprünglichen Population
  • die angesiedelte Population sollte mindestens aus 500 Individuen, welche von midestens 50 Pflanzen abstammen, bestehen.
  • je nach vorhandenem Material, können Samen aus möglichst nahe gelegenen und ähnlichen Populationen vermischt werden.

Ziel:

  • Erhaltung und Förderung  der genetischen Vielfalt

 

Ansiedlungen gefährdeter Pflanzenarten werden als immer wichtigere Massnahmen für den Erhalt der Biodiversität propagiert. Trotz ihrer Wichtigkeit sind Ansiedlungen nicht als eine Alternative zum Artenschutz in situ anzusehen. Die Priorität im Naturschutz liegt nach wie vor in der in situ-Erhaltung so vieler natürlicher Populationen wie nur möglich in ihren natürlichen Habitaten. Ansiedlungen können allerdings als ergänzende Massnahme sehr sinnvoll sein um den Rückgang der Biodiversität aufzuhalten.

Spricht man von Ansiedlungen, muss man zwischen Verstärkungen, Wiederansiedlungen und Neu-Ansiedlungen unterscheiden (siehe auch die IUCN Guidelines).

  • Verstärkung:  Ansiedlung von Individuen in eine bestehende Population
  • Wiederansiedlung: Gründung einer neuen Population innerhalb des historischen Verbreitungsgebietes
  • Neu-Ansiedlung: Gründung einer neuen Population ausserhalb des historischen Verbreitungsgebietes

Wann sollten Ansiedlungen durchgeführt werden?

  • Es gibt nur noch wenige Populationen einer Art, die Populationen und die Individuenzahl innerhalb der Populationen befinden sich im Rückgang.
  • In situ Massnahmen wurden unternommen und als nicht ausreichend für die langzeitige Erhaltung der Art befunden.
  • Die Gefahren und Gründe des Rückgangs sind bekannt und können nicht durch in situ Massnahmen aufgehalten werden.
  • Die Art hat ein hohes Aussterberisiko wenn sie nur mit in situ-Massnahmen unterstützt wird.
  • Die Art ist gut von anderen nahverwandten Arten, Unterarten zu unterscheiden. Eine Hybridisierung durch Einbringung „falsche“ Individuen kann ausgeschlossen werden.

Was sollte man vor einer Ansiedlung wissen?

Die Biologie einer Art sollte grösstmöglich bekannt sein. Darunter fallen Informationen zu:

  • Die Ansprüche der Art an das Habitat müssen bekannt sein: Vegetationsaufnahmen, mikro-klimatische Faktoren, Bodenparameter usw. sind Informationen die notwendig sind um geeignete Habitate für Ansiedlungen zu finden.
  • Fortpflanzungssystem: Kann sich die Art selbst bestäuben? Oder ist sie selbstinkompatibel und auf Auskreuzung angewiesen? Dies beeinflusst stark die Wahl des Ansiedlungsmaterials.
  • Ist die Art mehrjährig oder einjährig? Dies entscheidet über die Einbringung von Samen oder adulten Pflanzen - bei mehrjährigen Arten scheint die Ansiedlung adulter Pflanzen erfolgreicher zu sein, bei annuellen Pflanzen erzielt man ebenfalls gute Resultate wenn diese als Samen angesiedelt werden.
  • Ist die Art diözisch? Dies beeinflusst das Auspflanzungsdesign. Männliche und weibliche Individuen sollten nah zu einander gepflanzt werden.
  • Benötigt die Art spezielle Mutualisten? Ist eventuell eine Inokulierung mit Boden-organismen notwendig.

Auswahl eines geeigneten Habitats

Die häufigste Ursache für eine gescheiterte Ansiedlung (Wiederansiedlung) ist ein nicht geeignetes Habitat. Deshalb ist es für den Ansiedlungserfolg besonders wichtig, die Eignung eines Habitats sicher zu beurteilen – eine Aufgabe die oft schwierig ist. Biologie und Ökologie der betreffenden Art, sowie die ökologischen Bedingungen der ursprünglichen, besammelten Population und des ausgesuchten Wildstandortes für die Ansiedlung müssen genauestens bekannt sein.

Viele Individuen ansiedeln um gegen Umweltschwankungen gewappnet zu sein

Vor allem kleine Populationen können stark durch Umweltschwankungen beeinträchtigt werden. Zudem muss beim Verpflanzen von Individuen sowie beim Aussähen von Samen damit gerechnet werden, dass die Population in den ersten Jahren deutlich abnimmt, dann aber nach einem Flaschenhals auch wieder ansteigen kann. Dabei sind Populationseinbrüche von bis zu 90 % nicht ungewöhnlich. Deshalb ist so wichtig, möglichst viele Individuen auszubringen, um das Überleben der Population zu sichern. Eine grosse Individuenzahl vergrössert auch die Chance, dass nicht angepasste Genotypen ausselektioniert, und sich angepasste Genotypen etablieren können.

Es ist oft schwierig genaue Individuenzahlen für Ansiedlungen zu empfehlen. Je nach Art und Lebensraum werden mehr oder weniger Individuen benötigt, um eine eigenständige Population zu gewährleisten. Ein paar Faustregeln gibt es aber doch:

  • Die neugegründete Population sollte mindestens 500 Individuen beinhalten,
  • die Individuen sollten von mindestens 50 repräsentativen Pflanzen abstammen, idealerweise > 180,
  • ist der Lebensraum sehr variabel, braucht man mehr Individuen als in stabilen Lebensräumen.

Werden Pflanzen anstelle von Samen ausgebracht, scheint dies vor allem für langlebige Arten von Vorteil zu sein, da bei diesen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Same zur adulten Pflanze wird, oft geringer ist. Eine adulte Pflanze allerdings macht viele Samen, und trägt somit stärker zum Populationswachstum bei als ein Same. Je älter eine Pflanze wird (Alter der ersten Reproduktion) desto mehr Samen werden benötigt um eine selbsterhaltende Population zu gründen. Für kürzerlebende Arten ist der extra Aufwand beim Pflanzen aufziehen und auspflanzen nicht zwingend notwendig.

Auswahl des Pflanzenmaterials - Genetische Diversität und lokale Anpassung

Unzählige Studien unterstreichen die Wichtigkeit einer hohen genetischen Variation für das Überleben von Populationen und demzufolge für den Ansiedlungserfolg gefährdeter Pflanzenarten. Je diverser eine Population ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese an sich verändernde Umweltbedingungen anpassen kann. Zudem schützt eine hohe genetische Variation vor Inzucht. Eine grössere genetische Variation kann durch das Mischen von Pflanzenmaterial verschiedener Populationen erreicht werden.

Allerdings besteht oft die Sorge, dass durch das Mischen verschiedener, eventuell sogar entfernt liegender Populationen Pflanzenmaterial eingebracht wird, welches nicht an die lokalen Umweltbedingungen angepasst ist. Vor allem bei Verstärkungen von sich im Rückgang befindenden Populationen mit Pflanzenmaterial aus anderen Populationen, könnten theoretisch lokale Anpassungen aufgebrochen werden. Dieses Phänomen nennt man Auszuchtdepression, und konnte bisher vor allem bei der Einbringung von Material aus sehr weit entfernt liegenden Populationen (mehr als 200 km) festgestellt werden. Ergebnisse bisheriger Studien lassen allerdings vermuten, dass die Risiken von Inzuchtdepression viel grösser sind als die der Auszuchtdepression. Da jedoch sowohl Inzucht als auch Nichtangepasstheit das Überleben einer Population beeinflussen, sollte vor jeder Ansiedlung die Wahl der Herkunft des Materials gut überlegt sein.

Welches Material sollte letztendlich verwendet werden?

Das verwendete Material bestimmt den Erfolg der Ansiedlung mit! Idealerweise sollte das angesiedelte Material den lokalen Umweltbedingungen entsprechen, den lokalen Genpool wiederspiegeln und zugleich eine genetisch diverse Population repräsentieren.

Angepasstes Material verwenden

Unzählige Studien zeigen, dass die Pflanzen an ihre abiotischen und biotischen Bedingungen angepasst sind. Ein paar Regeln:

  • das verwendete Material soll aus Populationen mit ähnlichem Klima, Umweltbedingungen, und ähnlichen Habitaten stammen. Oft trifft dies auf benachbarte Populationen zu.
  • Vermutet man sehr starke lokale Anpassung, zum Beispiel an Schwermetalle im Boden, empfiehlt es sich nur lokales Material zu verwenden.

Diverses Material verwenden

Eine hohe genetische Variation des auszupflanzenden Materials ist wichtig um eine rasche Anpassung an die lokalen und zukünftigen Bedingungen zu garantieren. Deshalb sollte möglichst der gesamte Genpool einer besammelten Population im Ansiedlungsmaterial vertreten sein (siehe auch die Empfehlungen zum Sammeln von Samen).

Traditionellerweise wurde bisher empfohlen bei Ansiedlungen nur Material einer Population zu verwenden sofern keine Informationen über das Fortpflanzungssystem, Ausbreitung und genetische Struktur bekannt sind welche ein Mischen verschiedener Populationen rechtfertigen würden. Neue Studien weisen allerdings darauf hin, dass eine möglichst grosse genetische Variation von Pflanzen verschiedener Populationen zu besseren Ansiedlungserfolgen führt. Obschon ebenfalls Beispiele für eine höhere Erfolgsrate durch die Verwendung lokalen Materials existieren, scheint im Hinblick auf den Einfluss des Klimawandels und die damit eintretenden Veränderungen ein Mischen von Herkünften von Vorteil, um der angesiedelten Population eine Möglichkeit zur Anpassung an zukünftige Bedingungen zugeben. Die Einbringung von Pflanzenmaterial aus mehreren benachbarten Populationen, welche ein ähnliches Habitat aufweisen, scheint demzufolge sinnvoll zu sein.

Weitere praktische Tipps bei Ansiedlungen

  • Bei mehrjährigen Arten ist die Erfolgsquote höher, wenn Pflanzen anstelle von Samen ausgebracht werden.
  • Bei langlebigen Arten sollten Individuen unterschiedlicher Grösse und Lebenszyklus, also Keimlinge, juvenile und adulte Pflanzen ausgebracht werden.
  • Sind nur wenige Samen vorhanden, empfiehlt sich unbedingt das Vorziehen der Pflanzen. Diese sollten möglichst als adulte Pflanzen ausgebracht werden, da somit die Überlebenschancen gesteigert werden.
  • Bei annuellen Pflanzen (oder sehr kurzlebigen Pflanzen) ist die Ausbringung von Samen sinnvoll.
  • Idealerweise sollten Ansiedlungen in mehreren hintereinanderliegenden Jahren durchgeführt werden um möglichst viel ausgebrachte genetischen Variation zu erhalten – Jahresschwankungen in klimatischen Bedingungen fördern jeweils unterschiedliche Genotypen.
  • Generell empfiehlt sich eine Bewässerung der Pflanzen nach der Ausbringung bis sich diese etabliert haben. Werden Samen ausgebracht (z.B. bei annuellen Pflanzen) empfiehlt sich eine zusätzliche Bewässerung in der Keimungsphase und ein Bewässerungsprotokoll, um die Erfolgsquote für zukünftige Ansiedlungen zu optimieren.